Die Schrecken der Roten Khmer – Geschichte in Phnom Penh.

Diesen Eintrag über unsere Erlebnisse in Phnom Penh möchte ich gesondert erstellen, weil der Inhalt nicht zum üblichen Reisespaß passt.

Spätestens wenn man sich ein wenig mit Kambodscha und seiner jüngeren Geschichte beschäftigt, stößt man bald auf die Geschichte der Roten Khmer. Die Roten Khmer, in ihren Anfängen nationalistische Untergrundkämpfer, regierten von 1975 bis 1978 Kambodscha und überzogen das Land und seine Bevölkerung mit Terror und Leid. Die Ideologie des Regimes berief sich auf einen Bauernstaat in einem sogenannten Urzustand ohne Klassenunterschiede. Es wurde zwischen dem „alten“ und dem „neuen“ Menschen unterschieden: Der „alte“ Mensch wurde als einfacher, fleißiger Landarbeiter beschrieben. Als „neue“ Menschen wurden Intellektuelle und Akademiker, z.B. Lehrer, Ärzte, Ingenieure, Künstler gesehen – diese waren der Feind des klassenlosen Staats und sollten vernichtet werden.
Die Landarbeiter des Bauernstaats sollten durch ihren Fleiß die landwirtschaftlichen Erträge des Staates nach größenwahnsinnigen Planungen vervielfachen. Die gesamte Stadtbevölkerung Kambodschas wurde umgesiedelt und zur Zwangsarbeit auf dem Land berufen. Unter den miserablen Arbeitsbedingungen bis zur totalen Erschöpfung und Hunger, da die Erträge nicht ausreichten, starben viele Kambodschaner.

In den Jahren der Schreckensherrschaft der Roten Khmer kamen ca. 2 Millionen Menschen (von ca. 7 Millionen Gesamtbevölkerung) ums Leben, ob durch Ermordung oder die Folgen der Zwangsarbeit und Unterernährung.

Der totalitäre Staat der Roten Khmer akzeptierte keine Abweichungen von ihren Regeln. Wer in den Verdacht kam dem Regime untreu zu sein, wurde verhaftet, unter Folter verhört und ermordet. Dabei wurde die gesamte Familie des „Feindes“ ermordet, selbst kleine Kinder und Säuglinge, um der Gefahr einer späteren Rache zu entgehen. Unter schwerster Folter wurden den Verhafteten abstruse Geständnisse entlockt, welche natürlich nichts mit der Realität zu tun hatten. Für die paranoiden Funktionäre der Roten Khmer war das gefundenes Fressen, um immer mehr Menschen gefangen zu nehmen und zu ermorden. Der Grundsatz lautete „Lieber einen Unschuldigen zu viel verurteilen, als einen Schuldigen entkommen zu lassen.“

In Phnom Penh (bzw. in der Nähe) kann man zwei Gedenkstätten besuchen, welche zur Aufarbeitung der Geschichte der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurden.

Wir beginnen bei dem Gefängnis Toul Sleng, auch als S-21 bekannt. Das kleine Gelände mit mehreren Gebäuden war vor der Herrschaft der Roten Khmer eine Schule. Die Roten Khmer nutzten es als Folterstätte, um den Gefangenen Geständnisse und Informationen zu entlocken.

Jetzt ist das Gelände umgeben von bunten Häusern, Restaurants und Guesthouses, zu Zeiten der Roten Khmer waren die Straßen drum herum abgeriegelt und nur dem Personal zugänglich.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Hier ein Blick aus dem Hof. Ein hoher und dichter Stacheldraht soll ein Entkommen unmöglich machen.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Eins der drei Hauptgebäude und der Innenhof.

Die Gefangenen wurden mit verbundenen Augen in das Gefängnis gebracht, damit sie nicht wussten, wo sie sich befinden. Dort wurden sie in den ehemaligen Schulräumen entweder zu bis zu 60 Gefangenen in einem Raum oder in winzigen Einzelzellen untergebracht. Die Häftlinge mussten Fußfesseln tragen und durften nicht reden. Wer dagegen verstieß, wurde von den Wärtern verprügelt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Einer der Räume mit einigen der original Betten. Auf dem mittleren Bett liegen einige Fußfesseln.

Am Eingang kann man sich einen Audioguide mitnehmen, und bei der Besichtigung von S-21 Informationen und Zeugenberichte hören. Man wandelt also durch die schmuddeligen Räume und hört sich dabei an, welche Verbrechen hier verübt worden sind und kann sich noch nicht mal ansatzweise die Qualen der Opfer vorstellen. Es fällt mir an manchen Stellen schwer den Rundgang fortzusetzen. Viele Räume wurden so belassen, wie sie vorgefunden wurden – an manchen Wänden kann man Blutspuren oder Furchen sehen, welche menschlichen Händen zuzuordnen sind, die verzweifelt versuchen sich durch die Wand zu kratzen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Der Blick aus einem der oberen Stockwerke von Gebäude A. Der Stacheldraht wurde angebracht, nachdem sich ein Gefangener aus Verzweiflung aus dem Fenster gestürzt hatte.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Gebäude B.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Dieses Gerüst diente zur Zeiten der Schule den Kindern für Kletterübungen. In S-21 wurden Gefangene nachts an ihren hinter dem Rücken geschnallten Armen aufgehängt, bis sie das Bewusstsein verloren.

Als Wärter und Folterknechte setzte das Regime Jugendliche ein, oftmals ehemalige Kindersoldaten, welche gut manipuliert werden konnten. Es war besonders wichtig, dass in diesem Gefängnis die Häftlinge gefoltert und zu Geständnissen gezwungen wurden, sie durften jedoch ausdrücklich nicht getötet werden. Alles wurde genauestens dokumentiert.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Fotografien der Gefangenen nach ihrer Ankunft.

Bei der Aufnahme eines Gefangenen bekam jeder Mensch eine Nummer, mit welcher er anschließend ausschließlich bezeichnet wurde, Namen gab es nicht mehr. Zur Dokumentation wurde ein Porträtfoto von jedem angefertigt. Viele dieser Fotos sind in den Räumlichkeiten von S-21 ausgestellt. Wenn man den Menschen ins Gesicht guckt, merkt man, dass die meisten von ihnen keine Ahnung hatten was da gerade passiert oder wieso sie überhaupt dort sind. Viele gucken erstaunt, überrascht, manche etwas genervt. Wenige lächeln sogar in die Kamera, als würde eine nette Geste vielleicht helfen. Die Außenwelt wusste nichts über dieses Foltergefängnis und die Schrecken, die sich dort abgespielt haben. Wer hier landete, der kehrte nicht mehr zurück, sondern wurde nach Folter und Geständnis zur Ermordung fortgebracht.
Insgesamt wurden mindestens 14.000 Menschen in S-21 inhaftiert, wobei man eher von ca. 20.000 ausgeht – viele Akten wurden vor der Befreiung vernichtet. Überlebt haben davon 7 Menschen. Sieben.

Wir verbringen über 3 Stunden hier und hören uns alle Zeugenberichte an, lesen weiterführende Berichte über den Verbleib Überlebender der Terrorherrschaft, schauen uns Fotografien, gemalte Bilder und die ausgestellten Folterinstrumente an. Wir müssen uns ab und zu kurz ausruhen. Der Innenhof des ehemaligen Schulgeländes ist mit großen, schönen Mango- und Frangipanibäumen bestückt. Das war er bereits vor der Übernahme der Roten Khmer und ist bis heute so belassen. Man kann sich kaum vorstellen, was sich für Gräueltaten hinter dieser Idylle abgespielt haben.

Am Ausgang befindet sich ein kleiner Treffpunkt, an dem häufig einer der Überlebenden sitzt, berichtet und Fragen beantwortet. An diesem Tag sitzt tatsächlich der mittlerweile 85-jährige Chum Mey dort und wird von einer kambodschanischen Schulklasse umringt.

Zwei Tage später machen Lennart und ich uns auf den Weg zu den Killing Fields, der weiteren Gedenkstätte in Choeung Ek in der Nähe von Phnom Penh. Nach einer 45-minütigen Fahrt mit dem Tuktuk kommen wir an diesem sonnigen Tag dort an. Das Gelände befindet sich komplett im Freien, abgesehen von einem kleinen Museum und der neu errichteten Gedenk-Stupa.

Diese sogenannten Killing Fields wurden von den Roten Khmer als Tötungslager ihrer Gefangenen benutzt, viele wurden aus dem Foltergefängnis S-21 hierher transportiert. Die Menschen mussten sich an die ausgehobenen Gruben stellen und wurden per Schlag auf den Kopf, z.B. mit einer Schaufel oder einem Stock, getötet. Das Erschießen war unüblich, man wollte Kugeln sparen.
Im gesamten Land finden sich viele Killing Fields, die unzählige Opfer der Roten Khmer beherbergen.

Auch hier sind verschiedene Stationen eingerichtet, welche man sich per Audioguide erklären lassen kann.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Eines der vielen Massengräber. Es ist eingezäunt, damit man nicht aus Versehen drüber läuft.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Besucher hängen als Gedenkgeste Armbänder an den Bambuszaun.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Killing Fields.

Dieses Bild sieht natürlich unspektakulär aus. Wenn man weiß, dass sich unter dieser Erde Massengräber befanden oder noch befinden, verändert sich dieser Eindruck. Bei starkem Regen werden heute noch immer Knochen und Reste von Kleidungsstücken aus der Erde nach oben geschwemmt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Killing Tree.

An diesem Baum wurden Babies und kleine Kinder ermordet, indem man sie gegen den Baum schlug und anschließend direkt in die Grube daneben warf. Als Kambodscha befreit wurde und die Killing Fields entdeckt wurden, befanden sich an dem Baum noch Reste von Blut und Haaren.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
„Magic Tree“.

An diesen Baum wurden Lautsprecher aufgehängt, aus denen ohrenbetäubend Laut die Propaganda-Lieder der Roten Khmer gespielt wurden, um die Schreie der Opfer zu übertönen. Im Hintergrund kann man die Gedenk-Stupa sehen.

Manche der Massengräber wurden geöffnet und die Überreste der Ermordeten von Gerichtsmedizinern untersucht. Zum Teil werden diese in der Gedenk-Stupa in der Mitte des Geländes als Mahnmal aufbewahrt.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Schädel der Opfer.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Die Schädel sind bis unter die Decke gestapelt, es gibt nicht genug Platz für alle.

Der Besuch von S-21 und den Killing Fields ist überwältigend und lässt einen schockiert und ratlos zurück. Ich muss immer noch manchmal unweigerlich daran denken. Ich würde jedem empfehlen die beiden Gedenkstätten zu besuchen, der in Phnom Penh vorbei kommt. Auch denen mit wenig Zeit. Und denen, die sich sonst nicht so für Geschichte interessieren. Auch den Zartbesaiteten. Jedem. Dieses Kapitel der Menschheitsgeschichte darf nicht in Vergessenheit geraten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s