Vang Vieng ist was Du draus machst.

Seien wir mal ehrlich: Vang Vieng hat keinen besonders tollen Ruf. Bis Ende 2012 war Vang Vieng eine Partyhochburg der schlimmsten Sorte. Leute haben sich besoffen und Drogen genommen, sind beim Tubing auf Todesrutschen in den Fluss geballert und manche haben sich schwer verletzt oder schlimmeres. Ich muss kurz weiter ausholen. Das Tubing ist eine Spezialität in Vang Vieng. Tubing geht so: Man mietet sich einen alten LKW-Reifen, lässt sich damit den Fluss hochfahren, steigt in den Reifen und lässt sich flussabwärts treiben. Dabei gab es bis Ende 2012 auf einer Strecke von ca. 4 km ungefähr 50 Bars am Ufer, an denen man aussteigen und die Sau rauslassen konnte. Als es zu heftig wurde, d.h. als regelmäßig zugedröhnte Touristen dabei gestorben sind, hat die Regierung eingegriffen und die Bars abreißen lassen. Vang Vieng hat seitdem versucht sich einen Namen als Naturdestination zu machen, denn die Umgebung und sich daraus ergebenden Aktivitäten sind wundervoll für Entdecker und Aktive. Tubing kann man noch immer betreiben, aber ziemlich reduziert.
Kurze Entwarnung an Mama: Auf so einen Scheiß lassen wir uns natürlich nicht ein.

Lennart und ich hatten unterschiedliche Dinge von Vang Vieng gehört. Teilweise hörte und las man, dass es sich noch immer um den Ballermann Südostasiens handelt, andere Stimmen berichteten von einer entspannten Zeit in einer wunderschönen Naturkulisse. Wir entschieden uns der Sache selbst auf den Grund zu gehen. Den Ort verlassen kann man immer noch jederzeit.

Lennart und ich kommen am Busbahnhof an und streiten zunächst ein bisschen mit dem Tuktukfahrer um den Fahrpreis herum, business as usual. Wir haben den Spitzentipp bekommen auf der anderen Seite des Flusses zu residieren, wo alles entspannt zu sein scheint und wir haben uns im Vorfeld schon eine Unterkunft ausgeguckt.
Wir laufen also über eine Bambusbrücke und lassen uns einen Bungalow zeigen. Es scheint alles prima zu sein, wir bekommen den hintersten Bungalow der Anlage und im Garten chillen ein paar gemütliche Kühe.

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Unsere Residenz mit prima Aussicht.

Man bekommt noch immer ein bisschen Lautstärke von schlimmer Musik mit, welche aus den Boxen am Fluss dröhnt, aber uns wird versichert, dass die Musik abends um 10 aus ist. So weit, so gut. Zum Abendessen auf der bösen Seite, aber mit Stelzenrestaurant am Fluss bietet sich dann folgender Anblick:

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Wer liebt eigentlich nicht Heißluftballons?

Wir blicken nach unten zum Fluss: Das Wasser ist klar und seicht, es scheint so, als könnte man an jeder Stelle stehen. Wie kann man hier eigentlich ertrinken?

Die Antwort bekommen wir prompt bei unserem Ausflug am Abend: Uns kommen halbnackte Gestalten entgegen, die augenscheinlich gerade vom Tubing die Stadt betreten und mit glasigem Blick und unsicherem Gang Schritt für Schritt nach oben wanken. Ein Typ sieht so aus, als wäre er nicht mehr betrunken, sondern gerade aus der Narkose aufgewacht. Überhaupt ist diese Seite des Flusses eine Ansammlung seltsamer Gruppierungen: Man hat hier die feierwütigen Partypeople, die sich eimerweise Whiskey-Cola reinhauen, aber auch riesige Reisegruppen Chinesen und Koreaner, welche mit Schwimmwesten bewaffnet auf organisierte Touren gehen. Für die ersteren gibt es Irish Pubs und schmierige Burgerläden sowie „Warm Up“-Parties und Friends-Restaurants. Die Friends-Restaurants bieten unkreatives fettiges Asia-Essen wie gebratene Nudeln und Katerfrühstück, dazu Liegeflächen mit Matratzen und Kissen und Flachbildschirme, auf denen 24/7 Wiederholungen der Sitcom Friends gezeigt werden. Weiterer fun fact: Whiskey ist in Laos billiger als Cola, was bedeutet, dass man für ganz wenig Geld ganz viel Whiskey-Cola (im Eimer!) trinken kann. Für die Chinesen und Koreaner gibt es riesige Fresstempel mit Essen aus der Heimat. Ich kann schon gut verstehen, wieso man auf den ersten Blick nicht so begeistert ist hier zu sein, wenn man nicht gerade ein 20-jähriger Australier mit Feierwut ist, als gäbe es keinen Morgen.

Für uns erstmal okay, wir wohnen ja auf der „guten“ Seite. Bis die Nacht kommt. Lennart und ich hören seltsame Geräusche in unserem Bungalow. Es kratzt und trippelt, wir hören Knabbern, Knacken, Rascheln. Was ist hier los? Mehrfach werden wir wach, schalten schnell das Licht an, blicken uns paranoid um. Gegen 4 Uhr morgens erwische ich den Übeltäter mithilfe unglaublicher Reflexe und meiner Handytaschenlampe: Eine feiste Ratte sitzt auf einem Holzbalken in unserem Bungalow und schaut ertappt aus der Wäsche. Sie lässt sich vom Licht verscheuchen, die restliche Nacht verbringen Lennart und ich ohne Schlaf. Am nächsten Morgen die Ausbeute: Das Mistvieh hat meine Schuhe, Lennarts Gürtel, unsere Laptoptasche und meinen Rucksack angeknabbert!

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Das ist ja wohl Backpack HATE!

Und das allerschlimmste: Die Ratte hat die Verpackung meines Kombuchas aufgebissen! Nun leckt die Mutterflüssigkeit meines kleinen Lieblings, welche er doch so dringend zum Überleben braucht! Ganz klar, wir müssen hier weg.

Wir checken also aus mit der Info, dass eine Ratte herumläuft. Dabei fallen uns auch die Müllberge hinter unserem Pavillon und sogar im Gemeinschaftsbereich auf, keine Sau schert sich drum und unsere Klärungsversuche werden auch nur mit einem Schulterzucken quittiert. Dann eben nicht.

Wir ziehen uns weiter in Richtung Westen zurück, weg vom Fluss und dem Geschehen dort. Per Zufall finden wir das Maylyn-Guesthouse, welches uns mit gemütlichen Zimmern und prima Leuten willkommen heißt. Was für einen Wohltat. Entnervt kommen wir an und finden sehr bald wieder Ruhe und Frieden. Hier lernen wir auch direkt wunderbare Menschen kenne, aus Berlin, aus Heidelberg, aus Dänemark – die Fröhlichkeit und das Beisammensein ist Balsam auf unserer geschundenen Rattenseele.

Am nächsten Tag beschließen wir auch sofort mal die Vorzüge der prima Landschaft von Vang Vieng zu erkunden und begeben uns auf Klettertour. Man muss ungefährt eine halbe Stunde zu Fuß laufen, durch Flussstrand und abgeerntete Reisfelder, schon steht man vor einem Karstfelsen, welcher nach uns ruft.

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Hier geht es lang (das mit dem Swimming Pool ist übrigens eine Lüge).
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Ein fröhlicher Mensch mit Sonneschutz auf dem Weg in die Felsenlandschaft.

Der richtige Weg wird übrigens charmanterweise durch im Wind wehende Mülltüten markiert, welche an improvisierten Pfählen befestigt sind.

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Die Fahne auf dem Gipfel markiert das Ziel.

Am Fuße des Berges gibt es eine kleine Bude, in welcher lustige Laoten in einer Hängematte schlummern und zwischendurch wilde Früchte von den Bäumen angeln und beizeiten 10.000 Kip (ca. 1 €) Eintrittsgebühr von Touristen einsammeln. Einigermaßen weit unten wird uns außerdem eine Höhle im Felsen versprochen. Na, wenn das nichts ist.

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Die Autorin erfreut sich an der Höhle.
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Ein fröhlicher Mensch möchte schnell ans Tageslicht.
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Nach oben. Immer nach oben.

Lennart und ich klettern und kraxeln, ziehen uns Felsen hoch und wundern uns über die nicht-vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen. German Gedanken. Deshalb gibt es hier auch keine Fotos – wir sind damit beschäftigt heil nach oben zu gelangen. Dort ist es dann sehr windig und immer noch felsig, aber sehr schön.

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Fröhlicher Mensch mit Vang Vieng im Hintergrund.
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Nice view.
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Mehr nice view.
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So sehen meine Hände nach der Kletterpartie aus.

Weiter geht es zur nächsten Wanderung hinter dem Berg durch weitere Reisfelder und dschungelartige Pfade voller Gestrüpp.

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Weiter jetzt.
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Grün ist gar kein Ausdruck.
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Es lebe die Mülltüte.

Nach diesem überaus aktiven Tag fallen wir mit zittrigen Beinen und zerschrammten Knien ins Bett und sind uns einig: Es war wunderschön.

Am nächsten Tag geht es weiter. Wir besorgen uns ein Motorbike und fahren weiter nach draußen zu mehr Felsen und blauen Lagunen.

Wandern, Klettern, Schwitzen – wir stellen uns der Natur und werden mit einer wunderschönen Aussicht belohnt.

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Das ist ja mal überhaupt nicht gestellt.
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Die Autorin & mehr Karstfelsen.
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Manchmal ist Runterkommen schwieriger als der Weg nach oben.
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Kühe haben hier eindeutig Vorfahrt.

In der Nähe der Krabbenhöhle gibt es eine weitere Attraktion, nämlich die blaue Lagune. Gleichmaßen beliebt bei Travellern und auch chinesischen Schwimmwestenfreunden ist dieses Fleckchen Erde nicht mehr unberührt, dafür aber tatsächlich wunderschön. Man mag kaum glauben, dass das Wasser hier von Natur aus so unglaublich türkis ist.

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Die leicht überforderte Autorin im abgefahren blauen Wasser.
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Menschen. Lagune.

Auf dem Rückweg halten wir bei einem etwas abgelegeneren Guesthouse und bestellen Abendessen. Die nette laotische Besitzerin brät uns fantastische Nudeln und setzt sich zwecks Plauderei und Fröhlichkeit dazu. Nach ein bisschen Schnackerei huscht sie schnell davon und kommt mit einer dubiosen Flasche wieder, deren Inhalt wir nicht sofort festmachen können. „Das hat meine Mutter selbst gemacht, das müsst ihr probieren!“. Sie stellt ein Pinnchen auf den Tisch und schüttet ein: Reisschnaps mit eingelegtem Skorpion.

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Im Ernst?

Auf meine Nachfragen nach dem wie und warum sagt sie nur „Das ist gut für alles!“. Okay. Wir müssen dadurch. Lennart und ich teilen uns das Pinnchen und versuchen nicht allzu angewidert dreinzuschauen – der Schnaps brennt in der Kehle und ich frage mich, welcher Teil des Skorpions wohl dieses fiese Ziehen im Hals verursacht. Egal, es muss weitergehen.

Am Tag darauf trauen wir uns: Zusammen mit den Berliner Mädels entschließen wir uns das Tubing-Abenteuer zu starten. Das Traurige an der Entwicklung der vergangenen Jahre ist nämlich, dass der Erfinder des Tubing dieses als Ausflug in die Natur angedacht hatte, entspannt den Fluss herabtreiben mit Blick auf Karstfelsen und Wald. Zwischendurch dann: Sodom und Gomorrha.

Egal. Wir besorgen uns also einen Tubing-Schlauch, lassen uns vom Tuktuk den Fluss nach oben bringen und schleppen diesen ans Wasser. Direkt an der Einstiegsstelle hören wir laute, schlimme Musik (David Guetta?). Ein Mädel versucht uns in die Bar zu ziehen für die „Real Tubing Experience!“. Nicht mit uns, wir machen das auf unsere Art.

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Grünes Tuch um den Kopf: Tubing-Marketing-Opfer.
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Ein fröhlicher Mensch versucht durch Gesten australische Herkunft zu suggieren.
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Die Berlinerinnen. Ina beömmelt sich.

Zwischendurch steigen wir sogar mal an einer Bar aus, um uns mit Proviant zu versorgen. Hier bekommen wir eine Idee davon, wie es wohl früher gewesen sein muss. Viele Jugendliche, die nicht klar kommen, sich Glitzer ins Gesicht schmieren und sich Lachgasballons gönnen. Ina beschreibt die Stimmung sehr treffend als verzweifelt: Die Kids versuchen so viel wie möglich aus ihrem Ausflug rauszuholen und sich selbst so viel wie möglich reinzutun. Als wir gehen wollen, stolpert uns ein Mädchen im Bikini auf dem Weg zum Klo entgegen, welches den gesamten Gehweg vollkotzt. Auf mein Klopfen an die Toilettenkabine und das Nachfragen, ob sie Hilfe braucht, versichert sie mehrmals, dass alles okay sei. Ein bisschen wie Karneval.

Wir treiben also weiter den Fluss hinab, lernen lustige Engländer kenne, passen auf, dass die Felsen im seichten Wasser uns nicht den Popo demolieren (von wegen Ertrinken!) und haben viel Spaß daran, entspannt durch die Natur zu treiben.

Vang Vieng, du bist viel schöner als das, was ich mir vorgestellt habe. Du hast deine schmuddeligen Ecken, im Gegensatz dazu aber um ein Vielfaches mehr Schönheit zu bieten, als ich je erwartet hätte. Man muss sich ein paar Schritte vom Geschehen weg bewegen und darf dann wunderschöne Natur erleben und tolle Menschen kennen lernen.

Gemeinsam mit den Berliner Mädels machen wir uns im Nachtbus über Vientiane auf in den Süden nach Paxse (oder auch Pakse).

Und für meinen Kombucha habe ich auch eine Lösung gefunden.

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Babyflasche für das Baby.
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