Willkommen im Pairadies!

Chiang Mai und Pai trennt bloß eine ca. 3-stündige Busfahrt. Klingt easy. Wenn die Straße sich nicht durch eine Berglandschaft sondergleichen schlängeln würde, es geht kontinuierlich nach oben und die Serpentinen werden immer enger.
Eine Mitfahrerin beschwert sich: „Ich war 22 Tage lang auf dem Meer, aber das ist gar nichts dagegen, mir ist so schlecht, dabei habe ich schon drei von diesen Pillen genommen!“ Welche Pillen sie meint, erfahre ich später noch. Während einer kleinen Pinkelpause höre ich aus der Nebenkabine unerfreuliche Geräusche, da wird jemand sein Frühstück wieder los. Auch mir wird ein wenig übel, aber ich bin tapfer und freue mich trotzdem über die Aussicht.
In Pai angekommen besorgen wir uns erstmal einen Motorroller, um überhaupt zu unserer Unterkunft zu gelangen. Hier erfahren wir zum ersten Mal die Pai-typische Freundlichkeit: Der Rollervermieter, ein Typ mit exzentrischer Brille, langen Haaren und einer wahnsinnigen Behutsamkeit in allem, was er tut, weist uns ein. Lennart muss probefahren, er sucht mit uns genau passende Helme heraus, putzt den Roller nochmal heraus, erklärt freundlich die Besonderheiten des Straßenverkehrs, wünscht uns viel Freude und schaut uns hinterher wie ein Vater, der sein Kind gehen lässt. Normalerweise läuft es so ab: Hier der Roller, Pass als Pfand, bitte Geld, hier der Schlüssel, tschüss, viel Spaß!
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Cooler Typ mit Bike.

Wir düsen also weiter den Berg herauf, ungefähr 10 Minuten an ein paar weiteren Bungalows, Reisfeldern und einer astreinen Aussicht auf noch mehr Berge vorbei. Nach Empfehlung meiner Lieblingsreiseexpertin beziehen wir eine Hütte im Paradies. Es gibt einen wundervollen Garten mit Hängematten, Sitzkissen und unzähligen Abhängplätzen, vielen freundlichen und teils wahnsinnigen Hunden und Katzen und den nettesten Guesthouse-Besitzern der Welt. Die beiden Jungs wohnen in der Anlage und beschäftigen sich damit Gäste zu empfangen, den Garten und ihre Tiere zu pflegen und zwischendurch, wenn nichts zu tun ist, sich Katzenbilder auf dem Computer anzuschauen.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Unser Bungalow von außen, plus fröhlicher Mensch.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Unser Bungalow von innen.
Wir brauchen uns nichts vorzumachen, wenn man echtes, thailändisches Landleben erleben will, dann ist man in Pai falsch. Pai ist ein Ort für Aussteiger und Ferien, aber ein sehr liebenswerter und entspannter. Viele Unterkünfte, Bars und Restaurants sind aus Holz zusammengezimmert, wie es gerade hinpasst und mit Laternen, bunten Tafeln, Pflanzen und sonstigem Klimbim dekoriert. Es gibt Yoga, Meditation, Workshops aller Art und die Dreadlock-Dichte ist so hoch wie ansonsten nirgends im Norden Thailands. Abends wird die (an sich schon kleine) Hauptstraße für fahrende Vehikel abgesperrt und zur Fußgängerzone umfunktioniert, Leute verkaufen an kleinen Ständen Essen, selbst gemalte Bilder, selbstgezimmerten Schmuck und auch den üblichen Nippes. Gemütlichkeit!
Eigentlich könnte dieser Ort überall auf der Welt sein, aber dann auch wieder nicht (Gesundheitsamt! Bauvorschriften! Brandschutz! DIN-Normen! Scharia!). Manche Konstruktionen erinnern ein wenig an die Fusion, nur ohne die Musik, es wird eher Reggae bevorzugt.
Erfreulicherweise gibt es auch in Pai wieder kulinarische Highlights der Sonderklasse.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Kuchen und Kombucha (dazu unten mehr).
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Lauter Köstlichkeiten von einem lokalen veganen Buffet für fast kein Geld.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Die besten Pilze der Welt.

Das hier ist übrigens die allerbeste Fleischalternative, welche ich in meinem Leben auf der ganzen Welt jemals verspeisen durfte. Es handelt sich hier um gebratene Pilze, welche wunderbar umami schmecken und von der Konsistenz eine Faserigkeit wie geschmortes Rindfleisch haben. Ich schwöre es, die Dinger in einem Burrito würde niemand als Nichtfleisch enttarnen. In Thailand habe ich diese Pilze schon in Bangkok, in Chiang Mai und in Pai gegessen, immer in lokalen Läden, welche nicht auf Touristen ausgelegt waren und somit auch keiner so richtig Englisch sprechen konnte, um mir mehr über diese köstlichen Pilze zu erzählen. Auch alle meine bisherigen Google-Versuche waren erfolglos. Falls irgendjemand das hier liest und mehr über diese Pilze weiß (bzw. was es für welche sind und wo ich sie herbekommen kann) – bitte melde dich!

Pai ist auch sowas wie die Kombucha-Hauptstadt Thailands, das Gesöff gibt es an jeder Ecke und produziert wird das meiste davon von Mr. Kay, einem Aussteiger aus der Ukraine der in seiner „Good Life“-Datscha am Rande der Stadt Kombucha in Eimern braut und abfüllt. Mr. Kay hat auch mal in den USA gewohnt und als Haardesigner gearbeitet, der vorzugsweise bunte Frisuren mithilfe von künstlichen Farben kreierte und irgendwann von den ganzen synthetischen Stoffen krank wurde. Dann hatte er genug von dem Scheiß und ist nach Pai gegangen. Mr. Kay und sein Kumpel Lance aus Kanada bieten auch einen Wild Fermentation Workshop an, das kann ich mir natürlich nicht entgehen lassen!
Dafür begeben wir uns in die Hexenküche der beiden, wo allerlei fermentiertes Zeug rumsteht, manches haben sie laut eigener Aussage schon vergessen. Lance ist ein großer Liebhaber von guten Bakterien, Hefen und Pilzen und erzählt stets mit einem verträumten Lächeln im Gesicht von diesen kleinen Freunden und wie sie uns beim Überleben helfen können. Eigentlich ist der Workshop mehr ein Beisammensitzen in der Küche und nebenbei erklären die beiden, wie man Sauerkraut, Kefir, natürlich Kombucha, Wein und all so Zeug herstellt. Am Ende dürfen wir ein paar Kreationen probieren („Just play around with the sauerkraut!“).
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Ein skeptischer Mensch in der Hexenküche.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Der Kühlschrank mit allerlei Zeug.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Mr. Kay zeigt uns, wie man selbst gemachten Kefir abseiht und so Käse herstellt.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Ein paar leicht verständliche Infos.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Lance, Caren aus London (welche eine lustige Alfalfa-Frisur hatte, die man hier leider nicht erkennt) und ein Mensch, der zu viele fermentierte Speisen zu sich nahm.
Und Mr. Kay schenkt mir einen eigenen Kombucha-Pilz für zu Hause und macht mich damit zum glücklichsten Menschen in Pai. Ich hoffe, dass mein Baby so lange überlebt (laut Mr. Kay kein Problem) und durch die Sicherheitskontrolle am Flughafen kommt. Anmerkung: Wir befinden uns im Moment in Vang Vieng in Laos, ja, ich hinke mit der Berichterstattung hinterher, aber der Pilz lebt noch!
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Mein Baby. Ich werde es durch ganz Südostasien schleppen, das schwöre ich!
Ansonsten fahren wir mit dem Roller rum, schauen uns große Buddhas, nice views und die Natur an sich an, essen viele Köstlichkeiten in esoterisch angehauchten Etablissements und erfreuen uns des Lebens.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Nice View.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Ein fröhlicher Mensch zwischen ein paar Blümchen. Wer wäre da nicht fröhlich?
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Panorama 1.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Chinesische Glücksdinger auf einem Berg. Ich glaube, das ist das Äquivalent zu Liebesschlössern, welche besonders optimistische Pärchen in Europa an Brücken schnallen.

Auf dem weiteren Weg vom chinesischen Glücksberg zum Wasserfall werden wir von sage und schreibe neun fleißigen Polizisten angehalten, welche in ihren Polyesteruniformen schwitzend an der Straße stehen, welche ungefähr zwei Fahrzeuge pro Stunde passieren. Sie durchsuchen unsere Rucksäcke gründlich, wie es nur Polizisten können und scheinen zufrieden mit ihrer nicht vorhandenen Ausbeute. Einer erklärt uns, dass sie nach Drogen suchen. „You know, there is opium selling from Myanmar here. You know, Thai heroin veeery strong!“ und klopft sich dabei auf die Innenseite seines ausgestreckten Unterarms. Was soll man da sagen – gut zu wissen!? Vergnügt setzen wir unsere Fahrt zum Wasserfall fort.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Abenteuer am Wasserfall.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Soll das etwa eine Werbung für ein Restaurant bzw. eine Kochschule sein? Manchmal verstehe ich auch in diesem Land nicht, was hier los ist.

Ein paar Meter weiter, aber ebenfalls ein wenig erheiternd: Ein zugewucherter Minigolfplatz, welcher dennoch mit einem Versprechen lockt – bei einem Hole in One gibt es ein Freibier! Kinder spielen übrigens umsonst.

OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Panorama 2.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Großer Buddha, Mensch als Maßstab.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Ein fröhlicher Hund chillt im Garten.
OLYMPUS DIGITAL CAMERA
Ein entspannter Mensch wartet auf sein Essen.
Als wir Pai nach vier Nächten verlassen, überkommt mich tatsächlich das erste Mal auf unserer Reise eine Abschiedswehmut. Normalerweise überwiegt meistens die Vorfreude auf die nächste Station (welche hier natürlich ebenfalls vorhanden ist!), aber Pai zu verlassen tut schon ein bisschen weh. Ich bin mir sicher, ich komme wieder.
Man kann in Pai übrigens unendlich lange abhängen, da diverse kleine Farmen und andere Einrichtungen Unterkunft und kleinen Obolus gegen Mitarbeit anbieten. So geschehen bei unserem später kennengelernten Reisekompagnon Sam aus Kanada, welcher so 3-4 Stunden am Tag auf einer Farm half und dafür umsonst essen und wohnen konnte und außerdem 200 Baht pro Tag bekommen hat.
Bei der Abfahrt lerne ich auch die lustigen Pillen kennen, von denen eine unserer Mitfahrerinnen auf der Hinfahrt erzählt hatte. Diese kleinen gelben Pillen enthalten Dimenhydrinat, in Deutschland auch unter dem Handelsnamen „Vomex“ bekannt, gegen Reiseübelkeit. Diese werden in Thailand an Ticketschaltern und kleinen Shops an Orten der Rast in Zweierportionen verkauft. Die Apothekerin aus Deutschland wundert sich über das thailändische Dispensierrecht und kauft zwei von den Dingern, sicher ist sicher. Auf der Fahrt wird mir tatsächlich wieder schlecht, schlechter als letztes Mal und ich haue mir einen der Kollegen rein. Als Nebeneffekt schlafe ich wie ein Baby und bin wie ebensolches müde und quengelig, als die Fahrt in Chiang Mai zu Ende ist und ich nicht weiterschlafen darf, sondern aussteigen muss. Aber es muss weitergehen, wir freuen uns auf die Reise ins legendäre Phu Chi Fah.
Advertisements

2 Gedanken zu “Willkommen im Pairadies!

    1. Hi Leon,

      vielen Dank dafür! Deine Seite sieht super sympathisch aus und ich freue mich, dass der Kombucha auch endlich in Deutschland Einzug erhält. Ich habe Kombucha in New York kennen und lieben gelernt, dort gibt es ihn ja an jeder Ecke. Für dich wäre der Workshop sicherlich auch sehr spannend, ich kann mir vorstellen, dass Mr. Kay und du prima fachsimpeln könntet 🙂

      Liebe Grüße nach Berlin aus Kambodscha!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s