Der Weg ist das Ziel? Als ob! Kalaw nach Inle.

Okay, manche Dinge brockt man sich einfach selbst ein und muss dann sehen, wie man damit klar kommt. Man setzt sich ein Ziel, stürzt sich in die Geschichte hinein und mittendrin denkt man sich ab und zu „Was mache ich hier eigentlich?“. Ich stelle mir vor, dass sich Marathonläufer manchmal so fühlen müssen. Doch wenn man das Ziel erreicht, ist man froh und ein bisschen stolz auf sich.

Wovon ich eigentlich spreche? Kalaw nach Inle – 3 Tage – 2 Nächte – 62 km zu Fuß – unzählige Höhenmeter.

Der Nachtbus spuckt uns also um 2:30 Uhr in Kalaw aus. Mega kalt hier in den Bergen, ungefähr um den Gefrierpunkt, allen Ausgestiegenen klappern die Zähne. Netterweise dürfen wir schon in unser Guesthouse in Kalaw und in einem Transitzimmer bis zum Morgen schlafen. Um 8 Uhr werden wir von einer ohrenbetäubend lauten burmesischen Version von „If you’re happy and you know it, clap your hands“ geweckt. Manchmal weiß ich einfach nicht, was in diesem Land los ist.
In Kalaw sammeln wir Kräfte, essen nepalesische Köstlichkeiten, wandern über den bunten Markt und erklimmen schon mal einen kleinen Aussichtspunkt. Kalaw ist ein Nest und dient den meisten Travellern als Ausgangspunkt für Trekkingtouren in die Umgebung.

Abends kommt unser Trekking-Guide Ko Min in unser Guesthouse um zu besprechen, wie der Hase läuft. Dort lernen wir auch Jackie und Alex aus San Francisco kennen, welche mit uns gemeinsam den Weg der Mutigen beschreiten werden. Die beiden sind ungefähr so alt wie Lennart und ich und fröhliche Gesellen – Glück gehabt!

Am nächsten Tag sind alle voller Tatendrang und es geht morgens früh los. Es ist ein seltsames Gefühl irgendwo zu Fuß loszugehen und zu wissen, dass man 2 Tage später an einem anderen Ort wieder rauskommt, ohne Rückkehr.

Es geht erstmal bergauf, hurra! Plaudernd durch die Botanik des Shan-Staates.

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Erster Stopp: Stausee. Natürlich von den Briten errichtet. Großer Typ mit Hut = Alex. Kleiner Typ mit Hut = Ko Min.

Ko Min kennt sich super aus in seiner Hood und erklärt uns die Natur, was auf den Feldern der Bauern so wächst und was sonst so abgeht. Merke: Ingwer ist nach Schlafmohn das lukrativste Geschäft für die Bauern. Weil Schlafmohn aus diversen Gründen problematisch ist, sollten alle Leute mehr Ingwer konsumieren, um die Bauern zu unterstützen.

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Felder. Leider das meiste Zeug schon abgeerntet.
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Mehr Felder.

Nach einem steilen Aufstieg durch den Wald kommen wir an unserem ersten Aussichtspunkt an. Der Wind weht uns um die Nase, fühlt sich gut an.

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Nice View

Pause, nepalesisches Essen (Gott sei Dank!), weiter geht’s!

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Gefährliche Überquerung eines ausgetrockneten Bachs.

Zwischendurch machen wir Halt in einem Dorf und Ko Min plaudert mit seinen Bekannten dort. Wie wir bereits gelernt haben sind die Menschen in Myanmar ziemlich gastfreundlich, so werden wir auf ein bisschen Tee und ein paar Snacks eingeladen.

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Lennart und Ko Min (welcher sich leider gerade verdünnisiert).

Diese Knusperwürmchen auf dem Bild sind übrigens Kichererbsensnacks – wahre Köstlichkeiten!

Eine Tochter des Hauses wird am nächsten Tag heiraten, daher sind alle schon in heller Aufregung und zur Einstimmung plärrt bereits lauter burmesischer Pop aus übersteuerten Lautsprechern. Morgen kommen viele Gäste aus den umliegenden Dörfern zu Besuch,  alles läuft nach Plan.

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Deko für die Hochzeit.
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Unsere Gastgeberinnen.

Wir laufen weiter, immer unser erstes Etappenziel im Blick – ein Dorf, in dem wir übernachten werden.

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Der Wasserbüffel, ein äußerst beliebtes Tier für die Feldarbeit.
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Köstlichkeiten!
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Ko Min macht die beste Melone für unsere Pause klar.

Als wir nach insgesamt 22 km gegen 18 Uhr im Dorf ankommen, fühlt es sich wunderbar an die Schuhe auszuziehen und den Rucksack abzusetzen. Da es keinen Strom gibt, werden wir an einen Tisch mit Kerzen unter freiem Himmel gesetzt und bekommen extra für uns zubereitete Köstlichkeiten kredenzt. Bestimmt 8 Sorten gebratenes Gemüse und Gemüsecurry, dazu natürlich Reis.

Wir schlafen im Wohnzimmer einer dort ansässigen Familie, in einem Lager aus Decken und Kissen mit Moskitonetzen als Baldachin. Es ist wieder schweinekalt, so um die 0°C, wir sind schließlich in den Bergen. Es fühlt sich ein bisschen an wie Zelten, es gibt kein fließendes Wasser und die Toilette ist ein Bretterverschlag mit Loch im Boden (aber ein durchdachtes System mit Ableitungsrohr darunter). Wer jemals bei 0°C im Dunkeln in einer zugigen, weniger als 1 qm kleinen Bretterbude hockte, deren klapprige Tür durch ein System aus alten Elektrokabeln und einem Nagel als Schlossersatz zusammengehalten wird und aus deren Grube ammoniakgeschwängerte Dämpfe wabern, der wird für immer dankbar für die Errungenschaft der westlichen Toilette sein.

Am nächsten Morgen: Pfannkuchen zum Frühstück! Ich juble. Jackie freut sich über den Babywasserbüffel, Alex über Kaffee, nur Lennart ist ein wenig grummelig und in sich gekehrt. Was ist da los? Anscheinend ist ihm etwas der Abenteurernahrung nicht bekommen und er verbrachte die Nacht mit Magendrücken und wirren Träumen.

Nützt alles nichts, wir müssen weiter. Am heutigen Tag ist die Strecke etwas weniger anspruchsvoll, dafür ballert die Sonne ordentlich und es gibt weniger Kruppzeug, welches uns Schatten spendet. Lennart leidet. Ich nehme den Rucksack und gebe ihm meinen Hut. Lennart ist unser Held.

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Multifunktionswesen.

Wir kommen an einem weiteren Dorf der Pa-O an, einer ethnischen Minderheit, die im Shan-Staat lebt. Eine alte Frau zeigt uns ihre Webkünste und Lennart kauft einen Turban von ihr, welchen er jedoch als Schal zu tragen gedenkt. Ich glaube, es gibt keinen besseren Ort auf der Welt um einen Schal zu kaufen.

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Vier Tage braucht die Gute für einen Turban/ Schal.
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Lennart mit Schal.

Wir wandern weiter und weiter. Am Ende des Tages und nach 25 km kommen wir an einem Kloster an, welches uns als Nachtlager dient. Es haben sich noch weitere Wandergruppen hier eingefunden, in einer großen Halle werden die Schlaflager durch Laken als Vorhänge abgetrennt. Die Stimmung ist gemütlich.

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Kloster.
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Mönche und Gäste spielen Fußball.

Auch hier bekommen wir ein köstliches Mahl aus viel Gemüse, Erdnusscurry, Tonnen von Avocadosalat. So sind Sie, die Leute in Myanmar – wenn man erwähnt, dass man Avocado mag, wird man sich vor Avocados nicht mehr retten können. Lennart bleibt skeptisch. Badezimmer: Loch, Verschlag, aber Boden aus Beton und Tür aus Blech. Luxus!

Am folgenden Tag geht es um 6 Uhr los, alle Gruppen werden langsam wach und nehmen ihr Frühstück ein, um 7 begeben wir uns auf den Weg. Nur 15 km noch bis zum Inle-See! Die Umgebung verändert sich merklich, erst wandern wir durch eine wunderbare Karstlandschaft und kommen später in eine Gegend, welche sich durch lehmroten Boden, Palmen und Bambus auszeichnet. Als wir uns spürbar einige Höhenmeter tiefer befinden verkündet Ko Min die freudige Botschaft: Lunch time, danach noch 10 Minuten laufen und mit dem Boot durch den Inle-See zu unserem Guesthouse. Hurra!

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Unsere Crew nach vollbrachter Wanderung: Jackie, Lennart, Pu Po (Unser Koch. Ja, wir hatten einen Koch.), Ko Min, Alex und ich.

Wir sind stolz auf uns. Anschließend folgt eine fantastische Bootsfahrt einmal quer durch den Inle-Lake vom Süden in den Norden (wo unser Guesthouse im beschaulichen Nyaungshwe liegt). Natürlich haben wir daran gedacht, uns an unserem letzten Stopp Gewinnerbier für die Fahrt zu kaufen, das ist klar.

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Das Leben an den Ausläufern des Inle-Sees.
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Fischer.

Die Fischer vom Inle-See haben eine einzigartige und ziemlich abgefahrene Methode des Fischens. Sie steuern ihr Paddel mit einem Bein und haben so beide Hände frei für ihr Netz. Sie beobachten das Wasser und wenn bestimmte Blubberblasen nach oben kommen, wissen sie, dass es dort etwas zu holen gibt.

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Bootsfahrt durch die Mangroven am See.
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Haus am See.
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Ein sehr kaputter, aber sehr fröhlicher Mensch.
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Noch mehr fröhliche Menschen.
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Dieses Restaurant MUSS einfach gut sein.

Unser Guesthouse in Nyaungshwe liegt direkt am Kanal, und so kann uns das Boot direkt vor die Tür schippern. Eine Dusche hat noch nie so gut getan! Braune Brühe rinnt von mir herunter, streckenweise war es doch ganz schön staubig.

Am nächsten Tag ruhen wir unsere geschändeten Muskeln aus, schmieren uns mit Tigerbalsam ein und essen Köstlichkeiten (Hummus und Veggie-Burger!). Einfach mal abhängen.

Abends dann: Bauchkrämpfe. Gliederschmerzen. Wirre Fieberträume in der Nacht. Die Nachwehen des Naturwandelns haben nun auch mich erreicht. Man sollte den gemeinen burmesischen Magengnom nicht unterschätzen!

Tags darauf ist wieder Energie vorhanden. Was macht man da? Richtig, man leiht sich ein zu kleines klappriges Fahrrad aus und radelt zu einem nahegelegenen Weingut.

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Ein fröhlicher Mensch auf einem mittelgut geeigneten Bike.

Dort angekommen ist die Aussicht großartig, wir sitzen auf einer Holzbank unter einem großen Baum. Achtung, Panorama:

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Nice View.

Da keiner von uns jemals Myanmar-Wein probiert hat, ist das eine prima Gelegenheit. Es gibt sogar ein Weinprobe-Set zur Verkostung.

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Freude! Ähm, Freude?

Wir bekommen einen Sauvignon Blanc, einen Muskatwein, einen Shiraz und einen „Late Harvest“, was auch immer das sein mag, kredenzt. Was die alles können.
… oder auch nicht so richtig. Es schmeckt ein bisschen so, als hätte jemand Tetrapackwein genommen und Parfüm reingekippt. Ein älteres deutsches Pärchen setzt sich an den Nebentisch und bestellt sich ebenfalls den Schwung Testwein. Ihr Fazit: „Wenn man nicht weiß, wie Wein schmeckt, ist es vielleicht okay.“

Später treffen wir uns erneut mit Jackie und Alex zum Essen. Oha, Alex hat der Monti auch erwischt. Er hat Magenschmerzen und allgemein Körperschmerzen, irgendwas auf unserer Reise war wohl nicht so gut geeignet für unsere verweichlichten, westlichen Mägen.

Es war wirklich schön hier. Aber nun schnell weiter in die Großstadt, auf nach Yangon!

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