Es ist nicht alles Shwe was glänzt.

Die Menschen in Myanmar sollen ja unfassbar freundlich sein. Das merken Lennart und ich bereits, als wir in Mandalay aus dem Flugzeug steigen. Die Leute am Einreiseschalter sind wahnsinnig nett, unser Taxifahrer lächelt uns breit mit seinen vom Betelkauen rot verfärbten Zähnen an (kurzer Gedanke in dem Moment: Ist der eigentlich high oder so?) und im Hotel steht ein Begrüßungskomittee von fein gemachten Rezeptionsdamen und uniformierten Jungs bereit. Unser Hotel ist liebevoll mit viel Gold und bunten Lichterketten eingerichtet, zusätzlich ist für das chinesische Neujahr (Achtung, ab jetzt: Jahr des Affen) dekoriert.
Als wir vor die Tür treten wird schnell klar: Mandalay ist keine Stadt für Fußgänger. Es gibt fast in keiner Straße Bürgersteige und es staubt von allen Seiten, wenn die ganzen Motorroller vorbeidüsen. Motorroller dominieren das Straßenbild mit einem Verhältnis von ungefähr 100:1 zu anderen Gefährten. Was tut man in so einer Situation? Richtig, man besorgt sich ebenfalls einen Motorroller. Das machen wir bei Zach, einem Aussiedler aus den USA, der mit einer Frau aus Myanmar verheiratet ist und seit 7 Jahren hier lebt. Als wir den Motorroller holten saß seine sehr schwangere Frau neben ihm, als wir ihn zwei Tage später zurückbrachten (ab hier weiß der findige Leser: Wir haben es überlebt) war das Baby schon auf der Welt, Zach hat wahnsinnig niedliche Bilder gezeigt.
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Ziemlich cooler Typ auf Motorroller.
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Anderer cooler Typ.
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Eigentlich der coolste Typ (Sorry, Lennart).
Motorroller fahren in Mandalay ist eigentlich ganz einfach, denn es gibt nur drei Regeln: 1. Wenn du an jemandem vorbei fährst, musst du hupen. 2. Wenn jemand hinter dir hupt, solltest du aufgrund von Regel 1 nicht ausscheren oder sonstige unberechenbare Dinge tun 3. Jede Kreuzung verlangt eine Neubewertung der Situation als Einzelfall.
Mandalay hat ein Straßensystem wie die meisten Städte in den USA, also ein Gitternetz mit nummerierten Straßen. Macht die Orientierung ziemlich einfach, bedeutet allerdings, dass die Stadt alleine aus Kreuzungen zu bestehen scheint. Ampeln gibt es nur dort, wo man sie wirklich nicht vermeiden kann, also an ungefähr 5 Stellen. An allen anderen Kreuzungen regelt man das irgendwie, wie es gerade passt. Innerhalb von zwei Tagen ist Lennart ganz schön gut im burmesischen Rollerfahren geworden, ich glaube, nun ist er versaut für den deutschen Straßenverkehr.
Über das Rollerfahren hinaus ist Mandalay erstmal kurz überwältigend. Myanmar hat sich ja erst vor ungefähr 5 Jahren so richtig geöffnet und seitdem sagen alle, man solle JETZT (also aus heutiger Sicht vorgestern) hinreisen, sonst sei die Ursprünglichkeit des Landes zerstört. Den Eindruck habe ich überhaupt nicht, wo man nur hinsieht, entdeckt man Traditionelles. Die meisten Menschen (vielleicht so die Hälfte der Männer, fast alle Frauen) tragen Longyis, eine Art knöchel- bis bodenlanger Wickelrock. Viele Frauen und Kinder tragen Thanaka im Gesicht, das ist eine pastellfarbene Paste, welche man sich als Sonnenschutz und als Pflege auf die Haut schmiert. Thanaka zieht nicht ein wie eine Creme, man sieht also ein bisschen so aus, als hätte man sich beigen Quark ins Gesicht geschmiert. Viele Männer kauen Betelnüsse und spucken die rote Suppe auf die Straße. Wenn man durch die Gegend läuft und die Leute beim täglichen Dasein beobachtet, scheint alles viel langsamer und gelassener zu geschehen.
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Hier zum Beispiel
Als wir das erste Mal das Hotel verlassen und ein paar Schritte gehen, ist zwei Straßen weiter ein gleichmäßiges und langsames Hämmern zu hören. Lennart und ich laufen zufällig in einen Hauseingang hinein, durch welchen eine offene Goldblättchenklopfer-Werkstatt zu sehen ist. Die Leute in Myanmar stehen unglaublich auf Gold und auch darauf, Heiligtümer mit Goldblättchen zu bekleben, um sich als Gegenleistung eine Portion gutes Karma abzuholen. In Mandalay werden die hauchdünnen Goldblättchen via körperlicher Arbeit hergestellt, das Gold wird zwischen mehrere Lagen Leder geschoben und sportliche junge Männer hauen mit einem hammerartigen Werkzeug drauf. Dabei sitzen sie nicht an einem Tischchen oder so, sondern stehen aufrecht, das Werkzeug hat etwa die Größe einer Axt und wird über den Kopf gerissen und saust auf das Lederpäckchen nieder. So geht das, bis die Blättchen dünn genug sind. Danach brauchen die Jungs bestimmt nicht mehr pumpen gehen. Per Maschine ist es wohl nicht möglich, Goldblättchen in dieser Qualität herstellen zu lassen.
An unserem ersten Nachmittag schauen Lennart und ich uns erstmal ein paar der 8439294 Pagoden in Mandalay an. Ziemlich schick. Und wenn man die Hotspots meidet, auch fast ohne Touristen. Der erste Tag ist nach der Anreise und ein paar Stunden schnell zu Ende.
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Es ist nicht so, wie es aussieht!
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Ein bisschen Glitzer Glitzer.
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Schmuck für Buddha.
Da wir eh schon einen Roller haben, fahren Lennart und ich am nächsten Tag ein bisschen das Umland erkunden.
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Auf dem Weg.
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Halte deinen Tempel sauber!
In der Nähe von Mandalay befindet sich die über einen Fluss gebaute U-Bein-Brücke, die längste Teakholzbrücke der Welt, fast 200 Jahre alt. Dafür läuft es sich ziemlich gut darauf. Auf der anderen Seite gibt es wieder Tempel hier, Tempel da.
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U-Bein-Brücke
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Auch auf der anderen Seite: Lecker Pfannekuchen mit Kichererbsen-Chili-Füllung.
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Tempelspind.
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Auch hier wird mit Deko nicht gegeizt.
Am Ufer haben Lennart und ich in einem relativ gemütlich wirkenden Restaurant unser erster fantastisches Erlebnis mit burmesischem Essen. Mittagszeit, Hunger, 30 °C. Wir haben Bock auf ein bisschen Frische. Was bestellt man da? Richtig, Salat. In diesem Fall: Tomatensalat, Bohnensalat und Teeblättersalat. Teeblättersalat ist eine Spezialität in Myanmar, dafür werden Teeblätter gequetscht und zum fermentieren in Bambusrohren vergraben, nach einem halben Jahr rausgeholt und zum Salat weiter verarbeitet. Ich denke mir, cool, Ausprobieren! Es werden uns drei Teller gebracht, dessen Inhalte sich doch ziemlich ähnlich sind. Jeweils ein paar Tomatenstücke/ ein paar Teeblätter vermischt mit Zwiebeln, Erdnüssen und irgendwelchem Knusperzeug. Das ganze mutet etwas ölig an. Ich nehme einen Löffel von der Speise in den Mund und muss mir Mühe geben mein Gesicht nicht zu verziehen. Es schmeckt ungefähr so, als hätte jemand einen Teil Gemüse mit zwei Teilen frittierten Röstzwiebeln, die man sich bei Ikea auf den Hotdog schaufeln kann, zusammengemischt und eine große Tasse Öl drübergekippt. Der mit den Teeblättern hat außerdem eine etwas säuerliche Note. Das können die doch nicht ernst meinen! Lennart und ich essen ein paar Anstandslöffel, zahlen verlegen und machen schnell die Biege. Liegt es an uns oder liegt es an denen? Ich hatte schon gehört, dass burmesisches Essen eher mild im Geschmack und manchmal ölig sei, aber DAS? (Lennart: „Ich hätte gerne einmal Essen, bitte ungewürzt und extra fettig!“). Wir beschließen burmesisches Essen ab sofort zu meiden.
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Hier war die Welt noch in Ordnung (im besagten Restaurant).
Wir fahren weiter nach Inwa, ein Dorf noch ein paar Kilometer entfernt mit einem super Tempel. Hier muss man mit einer kleinen Fähre auf die andere Seite des Flusses übersetzen. Es liegt auch auf der Touri-Route „Mandalays malerische Umgebung“ und daher sind wir nicht die einzigen Besucher. Hier merke ich zum ersten Mal so richtig, was der Tourismus hier versauen kann: Von der Fähre führt ein an den Seiten begrenzter Aufgang ins Dorf, links und rechts stehen ungefähr 40 Pferdekutschen mit aggressiv werbenden Kutschern, die uns anbrüllen „Hello, horse car! HELLO! Horse car!!!“. Wir wollen kein horse car, wir wollen laufen. „No no, very far, hello horse car!“. Überall liegt Pferdekacke, gequälte Kläpper ziehen knipsende Chinesen durch die Gegend. Gefühlt am Ende der Welt hätte ich das nicht erwartet, so ist die Atmosphäre leider nicht mehr ganz so magisch.
Wir gehen natürlich trotzdem zum Tempel, dort ist es auch ganz schön. Es kommen auch viele burmesische Besucher, welche sich für den Gang zum Tempel schick gemacht haben.
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Unser Fährmann.
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Zwei fröhliche Menschen beim Tempelbesuch.
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Die Kollegin hier trägt übrigens Thanaka im Gesicht. Wir haben zusammen ein bisschen gechillt und unseren Nagellack verglichen.
Manchmal wollen Leute in solchen Situationen ein Foto mit mir („Hi hi hi hi hi, you are so tall, hi hi hi.“). Na klar, gerne! Ich bin dazu übergegangen dann aber auch ein Foto zurück zu wollen. So zum Beispiel:
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Oder so:
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Danach fahren wir nach Sagaing, ein Dorf mit Hügeln und Bergen, auf die unglaublich viele Pagoden und Tempel platziert sind. Ein Wunder, dass die überhaupt noch Platz finden dafür. Wir wandern auf einem Seitenweg ungefähr 8000 Treppen nach oben. Dabei treffen wir kaum einen Menschen, ab und zu ein paar Mönche oder kichernde Teenie-Pärchen, welche ein bisschen Abgeschiedenheit genießen. Oben angekommen kann man sagen: Im Sack, aber die Aussicht ist großartig. Was für ein wunderschöner Ort.
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Oben: Freude. Unten: Überall Pagoden.
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Schick gemacht für den Tempelbesuch.
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Auf dem Rückweg.
Am Tag darauf gönnen wir uns die Klassiker: Mahamuni-Tempel mit dem dicken goldbeklebten Buddha, Königspalast und Mandalay Hill. Der Königspalast ist irgendwie langweilig, es sieht aus wie ein schlecht restauriertes Disneyland, was von Militärs umstellt ist und bewacht wird, besonders belebt ist es auch nicht.
Mandalay Hill dagegen ist schon wieder absoluter Wahnsinn. Man wandert auch hier tausende Stufen hoch, freut sich über Teenagerpärchen und wandelt auf jeder Ebene durch unterschiedliche Glitzerpaläste. Fast schon ein bisschen bekloppt, aber ebenso sehr sehr schön.
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Rast.
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Mandalay Hill und eine fröhliche Person im Glitzerschloss.
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Nice view.
Mittagessen: Veggieburger. Abendessen: Dosa Mysore Masala beim Inder. Geh mir weg mit real Myanmar Food.
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Gesellschaft beim Essen.
Am nächsten Morgen geht es weiter nach Bagan (mit dem „OK Bus“, der eher „Not OK Bus“ heißen müsste, aber das ist eine andere Geschichte…).
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Unser Hotel strahlt zum Schluss nochmal für uns.
„Shwe“ heißt übrigens Gold auf burmesisch und alles ist hier irgendwie shwe, und wenn es das nicht ist, wird es einfach shwe angemalt. Fair enough.
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